«Ich habe meinen Bruder beim Einkaufen vergessen»

Lebensgeschichte Ursula Leuenberger

Am 10. Oktober 1949 entdeckte ich im Kantonsspital St. Gallen das Licht der Welt.

Als es für meine Mutter langsam losging mit meiner Geburt, schickte sie meinen Vater mit Sack und Pack vorab mit dem Bus ins Krankenhaus, um für meine Mutter und mich alles einzurichten/vorzubereiten. Kurze Zeit später folgte meine Mutter (ebenso mit dem Bus gereist) meinem Vater und machte sich zu Fuss auf den Weg ins Spital. Kurze Zeit später durften meine Eltern mich willkommen heissen.

Meine Kindheit durfte ich mit meiner geliebten Schwester und meinem geliebten Bruder sowie meinen lieben Eltern hier in Gossau geniessen.

Wir wohnten im Sternblock (Quellenhof) und waren daher sehr zentral gelegen und hatten noch schöne Grünflächen zum Spielen und Toben.

Freude bereitete mir das Hüten meines jüngeren Bruders. Als er zur Welt kam, war ich bereits 10 Jahre alt und ging in meiner Funktion als grosse Schwester auf. So durfte ich an einem Tag meinen Bruder (im Kinderwagen) mit zum Einkauf im Ochsen mitnehmen – was für ein spannendes Erlebnis! Da gab es nur ein kleines «Problem»: Nach erfolgreich getätigtem Einkauf im Ochsen, machte ICH mich motiviert auf den Nachhauseweg. Natürlich hatte ich an alles gedacht, was eingekauft werden musste, «nur» vergass ich das Wichtigste: Meinen kleinen Bruder im Kinderwagen vor dem Ochsen. Oh Schreck, schnell den Rückwärtsgang eingelegt und zurück zum Ochsen, um meinen Bruder zu holen. Total entspannt und amüsiert beobachtete er die vorbeifahrenden Autos am Kreisel. Phuu, alles nochmals gut gegangen. Dennoch blieb es für einen Moment das Geheimnis meines Bruders und mir. Zu meiner grossen Schwester hege ich ein sehr enges und vertrautes Verhältnis und bin für sie und meinen Bruder sehr dankbar.

Die komplette Schulzeit absolvierte ich in Gossau. Nach der Schulzeit begaben sich meine Freundin und ich, mit Einwilligung unserer Eltern, für ein Jahr ins Austauschjahr. Von Gossau, über Basel und Luxemburg ging es mit dem Zug nach Belgien, um Französisch zu lernen – mit grossem Erfolg; nach einiger Zeit träumte ich sogar auf Französisch… Eine für mich unvergessliche Zeit.

Nach meiner Rückkehr durfte ich eine Ausbildung als Verkäuferin bei der Firma Sturzenegger in St. Gallen antreten, welche ich mit Erfolg abschloss. Neben meiner Berufslehre bildete ich mich parallel in der Stickfachschule in Bruggen weiter und besuchte unzählige Dekorationskurse. Meinen gesamten Werdegang würde ich genauso wieder antreten. Nach meiner Lehrzeit durfte ich viel Spannendes und Neues als Detailhandelsangestellte, hauptsächlich in der Textil-Branche, erlernen, sehen und erarbeiten. Die Karriereleiter meisterte ich motiviert und voller Elan und blicke stolz auf diese Zeit zurück. Nach der Geburt meines Sohnes stand er an erster Stelle und so hörte ich mit Arbeiten auf.

Als ich dann einige Zeit später die Diagnose Multiple Sklerose (MS) erhielt, stand für mich klar, dass ich ein «neues zu Hause» brauche. Die Suche war mit dem Eintritt im Dezember 2011 ins Betagtenzentrum Schwalbe für mich ein grosses Glückslos. Hier bin ich zu Hause!

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