«Ohne ein Wort Französisch zu sprechen, nahm ich die einzige freie Stelle in Genf an.»

Lebensgeschichte Helen Leutenegger

Helen Leutenegger

Ich heisse Helen Leutenegger und wurde am 18. Juni 1932 in Gossau geboren. An der Sankt Gallerstrasse wuchs ich mit meinen zwei älteren Geschwistern auf. Mein Vater war Steuersekretär auf der Gemeinde Gossau, während meine Mutter sich, wie damals üblich, zuhause um uns Kinder kümmerte.

Als ich vier Jahre alt war, erkrankte ich an der Kinderlähmung. Für meine Eltern war dies ein riesiger Schock. Obwohl damals mehrere Kinder betroffen waren, war diese Krankheit noch völlig unbekannt. Jeden Morgen kam Schwester Kanisia bei uns vorbei und massierte, in der Hoffnung auf Besserung, die gelähmte rechte Seite mit Geissenbutter ein.

1939 wurde ich in Gossau eingeschult. Nach sieben Jahre Primarschule wechselte ich in die Mädchensekundarschule. Nach der Schulpflicht standen meine Eltern vor einer grossen Herausforderung. Welche Lehre kam für mich mit meiner Lähmung in Frage?

Schliesslich durfte ich die Frauenhandarbeitsschule in Sankt Gallen besuchen. Während der zweijährigen Lehre lernte ich sticken und stricken. Mit den neu erworbenen Fertigkeiten arbeitete ich zuerst in verschiedenen Handarbeitsgeschäften, dann im Kloster Stans und schliesslich bei Hauri-Konfektion in Sankt Gallen. Mein Gehalt war sehr niedrig.

Nach einiger Zeit verspürte ich das Verlangen nach einer Veränderung. Ich wollte Französisch lernen. Um im Welschland eine Stelle als „Aupair“ zu ergattern, wandte ich mich an ein Vermittlungsbüro in Olten. Ohne ein Wort Französisch zu sprechen, nahm ich die einzige freie Stelle in Genf schliesslich an. Ich lebte fortan in einer gutbetuchten, konservativen Familie mit einer Tochter und erledigte dort die täglichen Arbeiten im Haus und im Garten.

Als mein Vater starb, entschied ich mich, wieder nach Gossau zu meiner Mutter zurückzukehren. Um eine Arbeitsstelle in Gossau zu finden, liess ich folgendes Inserat im „Fürstenländer“ aufsetzen: Tochter gesetzten Alters sucht Stelle in einem Betrieb oder Laden. Zum Glück meldete sich die Papeterie Cavelti. So wurde ich in die Buchhandlungsbranche eingeführt.

Kaum hatte ich meine neue Arbeit angetreten, erkrankte meine Mutter schwer und war nun ganz auf meine Unterstützung angewiesen. Schweren Herzens und mit einem schlechten Gewissen musste ich meine liebgewonnene Stelle kündigen. Glücklicherweise kamen mir die Geschäftsinhaber entgegen und boten mir an, von zuhause aus zu arbeiten.

Nach zwei Jahren intensiver Pflege verstarb meine Mutter. Ich stieg nun wieder ganz bei der Firma Cavelti ein und arbeitete dort bis zu meiner Pensionierung.

Im Ruhestand wohnte ich einige Jahre mit meiner Schwester im Elternhaus. Als das Haus baufällig wurde, suchten wir uns eine neue Bleibe und fanden ein Haus in der Nähe des Friedbergs.

Vor zwei Jahren liessen meine Kräfte allmählich nach. Ich stürzte unglücklich und brach mir den Oberschenkel. Nach dem Aufenthalt im Spital wurde klar, dass ich den Alltag nicht mehr alleine bewältigen kann. Deshalb wurde für mich der Eintritt in eine Einrichtung, in der ich betreut und gepflegt werde, unumgänglich.

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