Im Interview mit Sara, unserer lernenden Kauffrau in ihrer letzten Woche der Ausbildung erzählt:

Ich heisse Rolf Rieker und wurde im Juni 1952 geboren. Zusammen mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder verbrachte ich meine ersten Lebensjahre in St. Georgen. Anfang der 1960er-Jahre zog unsere Familie nach Andwil, wo meine Eltern die Hälfte eines Hauses kauften.

Die Zeit in Andwil war für mich leider nicht einfach. Wir gehörten zu den wenigen evangelischen Familien im Dorf, während die meisten Einwohner katholisch waren. Deshalb wurde ich in meiner Kindheit oft gemobbt. Das war eine schwierige Zeit, die mich jedoch geprägt hat. Meine Primarschule besuchte ich in Andwil, die Sekundarschule anschliessend in Gossau. Danach absolvierte ich eine kaufmännische Lehre bei der Firma Stoffel in St. Gallen, einer Textilfirma. Später wurde das Unternehmen an eine amerikanische Firma verkauft.

Nach meiner Lehre rückte ich in die Rekrutenschule ein. Anschliessend besuchte ich während 17 Wochen die Unteroffiziersschule in St. Gallen. Danach führte mich mein Weg an die Offiziersschule in Zürich, wo ich meine militärische Ausbildung fortsetzte. In Herisau wurde ich schliesslich zum Leutnant befördert. Mit 21 Jahren erhielt ich bereits eine verantwortungsvolle Stelle als Abteilungsleiter in der Betriebszentrale der Migros in Gossau. Dort arbeitete ich viele Jahre mit grosser Freude und durfte schliesslich auch bei der Migros in Pension gehen.

Schon früh gründete ich mit meiner Frau eine Familie. Gemeinsam bekamen wir zwei Kinder – einen Sohn und eine Tochter. Heute bin ich stolzer Grossvater von vier Enkelkindern. Sie bedeuten mir sehr viel und ich bin unendlich dankbar für die enge Beziehung, die wir miteinander haben.

Mit 23 Jahren konnten wir unser erstes eigenes Haus an der Herisauerstrasse in Gossau kaufen. Anfang der 1980er-Jahre erfüllte ich mir einen weiteren Traum und kaufte ein zweites Haus. Es war damals erst zwei Jahre alt und ich investierte praktisch meinen letzten Franken dafür. Noch heute bin ich etwas traurig, dass ich dieses Haus später verkauft habe.

Meine Ehe ging nach vielen Jahren auseinander. Seit über zwanzig Jahren bin ich geschieden. Trotzdem haben meine ehemalige Frau und ich bis heute ein gutes Verhältnis zueinander.

Leider stellte mein Arzt vor einigen Jahren Prostatakrebs fest. Während längerer Zeit musste ich viermal pro Woche zur Bestrahlung ins Kantonsspital St. Gallen. Glücklicherweise konnte die Krankheit behandelt werden. Im Jahr 2025 erlitt ich einen Schlaganfall. Zum Glück reagierte mein Sohn sofort und alarmierte die Ambulanz. Dadurch konnte ich schnell behandelt werden. Meinen Armen und meinem Kopf geht es heute wieder gut. Lediglich mit meinen Beinen habe ich noch etwas Mühe. Nach meinem Aufenthalt in der Geriatrie des Kantonsspitals St. Gallen durfte ich am 21. März 2025 ins Betagtenzentrum Schwalbe einziehen.

Ich bin sehr dankbar für die gute Betreuung und fühle mich hier wohl. Gleichzeitig hoffe ich, irgendwann wieder eine eigene Wohnung zu finden und möglichst selbstständig leben zu können. Das Betagtenzentrum ist für mich ein schöner Ort – aber ein Zuhause ist für mich etwas anderes.

Ich liebe das Leben und bin dankbar, dass es mir heute trotz allem wieder gut geht. Am meisten erfüllt mich der Stolz auf meine Kinder und Enkelkinder und darauf, was sie in ihrem Leben erreicht haben. Ich wünsche mir, dass ich noch lange gesund bleiben darf und weiterhin Zeit mit meiner Familie verbringen kann.

Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, antworte ich fast immer: „Mir goht’s rächt ordelig.“ Dieser Satz beschreibt meine Einstellung zum Leben wohl am besten.

Respekt, Disziplin und ein gutes Herz waren für mich immer die wichtigsten Werte. Ich bin überzeugt, dass ich vieles in meinem Leben nur dank diesen Eigenschaften erreichen konnte.